Schreib‘ selbst, wo es zählt

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22. April 2026
5 min Lesezeit
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Als Geschäftsführer und Stratege schreibe ich viel. Ob Konzepte, E-Mails, Projektpläne, Visionen, Motivationsnachrichten oder vertragliche Dokumente: Die Bandbreite ist groß. Manchmal bin ich selbst der Absender, manchmal schreibe ich im Namen der Agentur.

Dabei fällt mir in letzter Zeit etwas auf: Die Texte, die mich erreichen, verändern sich. Ihre Tonalität. Die Art, wie sie geschrieben sind.

Nehmen wir LinkedIn: Irgendwie klingt alles gleich, oder? Ähnlicher Rhythmus, ähnliche Tonalität, ähnlicher (gruseliger) Schnack. Mittlerweile bieten Übersetzungstools sogar als Zielsprache „LinkedIn Speak“ an. In jedem Witz steckt auch immer ein Fünkchen Wahrheit, nicht wahr?

Screenshot von Kagi.com. Übersetzer von Englisch in LinkedInSpeak
https://translate.kagi.com/?from=en&to=LinkedIn+speak

Warum ist das so? Natürlich weil immer mehr Posts durch KI erstellt werden, aber auch weil die Algorithmen dieser Plattformen diesen Schreibstil geprägt und gefördert haben. Es klingt so, weil es „funktioniert“ und „Engagement“ erzeugt.

Diese technischen Systeme haben also sehr großen Einfluss auf unsere Kommunikation. Egal ob ich Sender oder Empfänger bin.

Du bist wie du schreibst

Wie du sprichst und schreibst, ist ein einzigartiger Teil deines Charakters. Die Wörter, der Satzbau, ob viel oder wenig „Denglisch“, ob hessisch oder mit anderem Akzent: All das wurde geprägt. Meist über viele Jahre und durch viele Einflüsse von Freunden, Familie, Schule, Uni und Arbeitskolleg:innen.

Die dabei entstehende „Tonalität“ ist wie ein Fingerabdruck. Sie macht uns zu… uns. Authentisch eben. Dabei haben Menschen ein sehr feines Gespür dafür, was authentisch ist und was nicht.

Deshalb bin ich beim Einsatz von KI beim Schreiben vorsichtig. Und neugierig.

Was Barack Obama und ich gemeinsam haben

Ich, wie wahrscheinlich viele, nutze die KI als Schreibassistent. Was ist dann der Unterschied zu einem klassischen Ghostwriter? Also jemandem, der für mich in meinem Namen z.B. ein Buch schreibt?

Nehmen wir z.B. Jon Favreau. Noch nie gehört? Das hier aber mit Sicherheit:

YES WE CAN

Jon Favreau war zwischen 2005 und 2013 „Head Speechwriter“ des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Viele der ikonischen Reden und Formulierungen von Barack Obama stammten dabei aus seiner Feder[1].

Macht das Barack Obama weniger authentisch, weil er nicht selbst die Reden geschrieben hat? Ich glaube nicht. Favreau und er haben viel Zeit miteinander verbracht und kannten sich sehr, sehr gut. Obama hat Favreau auch seinen „mind reader“ genannt. Die ikonische Sprache Obamas wurde maßgeblich durch Favreau geprägt und umgekehrt auch wieder dessen Schreibstil. Die beiden haben sich inspiriert und ergänzt.

Genau das ist mein Ansatz in der Zusammenarbeit mit der KI: Sei mein Jon Favreau.

Wo ich spürbar sein muss

Es gibt verschiedene Arten der Kommunikation, bei denen ich mehr oder weniger Ghostwriting durch die KI zulasse.

Wo es persönlich wird, wie z.B. bei Blogbeiträgen oder WhatsApp-Nachrichten, schreibe ich selbst. Ich möchte, dass „ich“ im Text sichtbar und spürbar werde. Das heißt nicht, dass ich die KI nicht nutze, um weitere Perspektiven oder neue und bessere Wörter kennenzulernen und einzuarbeiten. Ich bin jedoch sehr vorsichtig, meine Texte nicht durch eine KI glattbügeln zu lassen.

Dann gibt es allgemeine Korrespondenz mit unbekannten oder anonymen Teilnehmer:innen: Die Beschwerdemail, weil das Paket nicht angekommen ist; die Erklärung zum Elterngeld für die Elterngeldstelle oder Zusammenfassungen aus Meetings. Bei all diesen Texten greife ich stark auf die Schreib- und Zusammenfassqualitäten der KI zurück. Weil eben hier nicht meine persönliche Tonalität im Mittelpunkt steht, sondern eine fachlich präzise Beschreibung, die das jeweilige kommunikative Problem schnell löst.

Das sind meine Kategorien. Gleichzeitig gibt es Fälle, wo der Einsatz von KI eine echte Befreiung ist: Für Legastheniker, Nicht-Muttersprachler oder Menschen mit motorischen Einschränkungen. Für sie ist KI nicht die Frage zwischen „rund“ oder „echt“, sondern die Möglichkeit sich überhaupt auszudrücken.

Woran du KI-Texte erkennst

Selbst wenn der Inhalt stimmt, verrät sich der Text durch Muster, die typisch für KI-generiertes Schreiben sind. Du erkennst sie, auch wenn du sie nicht benennen kannst:

  • Gleichmäßiger Rhythmus.
    Jeder Satz ungefähr gleich lang. Kein Stolpern, kein Tempo-Wechsel. Liest sich glatt, aber leblos.
  • Dreiergruppen überall.
    „Innovativ, nachhaltig und zukunftsorientiert.“ „Wir analysieren, optimieren und implementieren.“ Klingt rund. Aber wenn jeder dritte Satz so gebaut ist, wird es zum Muster.
  • Buzzword-Inflation.
    „Ganzheitlich“, „wegweisend“, „transformativ“. Wörter, die nichts sagen, aber professionell klingen sollen. Menschen benutzen die selten. KI benutzt die ständig.
  • Sycophantische Einstiege.
    „Großartige Frage!“ „Das ist ein wichtiger Punkt!“ Kein Mensch redet so. Aber KI-Tools haben gelernt, dass Zustimmung positiv bewertet wird.

Wenn du weißt, worauf du achten musst, siehst du es überall. Und deine Leser sehen es auch, selbst wenn sie es nicht benennen können. Sie merken nur: Da stimmt was nicht.

Und? Was gemerkt? Stimmt was nicht? Genau, der gesamte Abschnitt bis hierhin ist KI-generiert. Und wenn dir das jetzt komisch vorkommt, dann ist genau das das Problem. Du weißt nicht mehr, was von mir kommt und was nicht.

Wann muss es nach mir klingen, wann nicht?

Wann die Erstellung mit KI passt? Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Ich möchte für das Thema sensibilisieren. Es ist sehr verlockend alles nur noch die KI schreiben zu lassen. Klar, das klingt dann meistens erstmal rund und gut. Aber der Verlust an Authentizität und Menschlichkeit ist spürbar.

Wir sollten uns sehr genau überlegen, wie viel wir von unserer Authentizität durch eine KI beeinflussen lassen. Die Feehler, die kleinen und großen Stolperer, das ist letztendlich das, was uns ausmacht.

Frag dich also nicht, ob dein Text perfekt ist oder rund klingt. Frag dich, ob dein Gegenüber merkt, dass er von dir kommt.

Und damit echt ist.


  1. Favreau hat den Slogan zwar nicht erfunden, aber er hat ihn zum ikonischen Moment gemacht. Er schrieb die berühmte New Hampshire Primary Concession Speech von 2008, in der „Yes We Can“ seinen rhetorischen Durchbruch erlebte.
  2. Beitragsbild: Thomas Smillie (1890–1913), Cyanotypie. Smithsonian Libraries and Archives. Public Domain. Quelle: pdimagearchive.org

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